20. Dezember 2016

Impulsverdopplung

Schlechte Angewohnheiten bei anderen zu erkennen ist eine der leichtesten Aufgaben eines Klugscheißers. Sie ihm dann vorzuhalten und ihn anzuleiten, von ihnen abzukommen, bedarf einiger Energie und Zeit. Dasselbe jedoch bei sich durchzuführen ist um einiges schwieriger, und bedarf des doppelten Aufwands: schließlich muß ich mich selbst in den Hintern treten.

Nachdem ich das Thema Klamotten erfolgreich getackelt hatte war ein paar Wochen Ruhe in meinem Oberstübchen, denn ich durfte mich an meinem Erfolg erfreuen. Allerdings bekomme ich es auf Dauer nie hin, mit dem Status quo zufrieden zu sein. Keine Ahnung woher diese Hummeln im Arsch kommen, denn eigentlich bin ich ein fauler Mensch aus Überzeugung.

Beim gedanklichen Freidrehen kam mir das Thema Sucht unter, und ich begann darüber nachzudenken welchen Süchten ich fröhne. Die Klassiker schieden schnell aus: ich rauche nicht (Zigarren paffen zählt nicht, da ist es der Geschmack und der Stylefaktor), ich trinke zwar Alkohol, aber so unregelmäßig daß ich mich oft nicht erinnern kann wann ich das letzte mal was getrunken habe, und auf meinen Morgenkaffee kann ich gut verzichten. Was könnte also meine Sucht sein? Denn zweifelsohne hat jeder Mensch eine. Ich mußte mich nur ein paar Tage beobachten, dann war klar daß die Antwort viel simpler und elementarer war: Zucker.

Soon...

Nun gut, Zucker allein tötet nicht, es ist wie immer die Dosis. Welche bei mir allerdings unkonfortabel hoch war, Schokolade, Kekse, Gummibärchen, Sirup im Kaffee, süße Getränke. Meine Blutzuckerwerte waren auch schonmal besser. Manchmal beobachtete ich geradezu einen Zuckerhunger, dem der Zuckerschock und das Zuckerhoch folgten - ein Schokoriegel, und ich war eine halbe Stunde hochkonzentriert und supereffizient. Danach kam jedoch unweigerlich das Zuckerloch - müde, fahrig, zerstreut. Hört sich doch stark nach Sucht an.

Da ich mir von einem Nahrungsmittel noch nicht einmal Teile meines Lebens diktieren lassen will war es also Zeit für radikale Maßnahmen. Mitte September beschloß ich, den Rest des Jahres auf Zucker zu verzichten und Schokolade, Süßigkeiten allgemein und Kekse komplett zu meiden. Klingt hart, war es am Anfang vielleicht auch, aber wenn man mal eine grundsätzliche Entscheidung getroffen hat läßt sich diese erstaunlich gut umsetzen. Beim Kaffee ist ein Plätzchen dabei? Liegenlassen. Die Kollegin geht in Ruhestand und verteilt Pralinékugeln? Annehmen, für später aufheben, und dann eine Woche danach einer anderen Kollegin schenken. Man bekommt direkt Schokolade geschenkt? In die unterste Küchenschublade und vergessen.

Das ging bis letzte Woche gut, und ich habe in den Monaten tatsächlich nichts vermisst. Eine Hintertür habe ich mir allerdings offengelassen: immer wenn wir essen gegangen sind und mir ein Nachtisch angeboten wurde habe ich diesen auch genommen. Ganz raus aus der süßen Welt wollte ich nicht, so ein hausgemachter Nachtisch hat aber auch eine ganz andere Qualität als ein Industriekeks.

Letzte Woche nun war ich auf einer Weihnachtsfeier und bekam eine Weihnachtstüte geschenkt, darin verschiedene themenbezogene Schokoladenteile einer bekannten lilafarbenen Schokoladenmarke. Genötigt, doch mal zu probieren, nahm ich eine Schokokugel und biß hinein, das erste Mal seit drei Monaten.

Es schmeckte gräßlich.

Wow. In den letzten drei Monaten haben meine Geschmacksnerven anscheinend einen Reset auf Werkseinstellung vorgenommen, jedenfalls schmeckte ich klar und deutlich das Zuviel an Zucker und Fett-Ersatzstoffen heraus. Kakao war kaum vorhanden, es schmeckte überzuckert und zugleich metallisch, fast etwas sauer. Fasziniert von meiner neuen Erkenntnis holte ich zuhause gleich ein paar weitere Exemplare aus der untersten Schublade: Kinder-Bueno, Snickers mini, Kitkat. Alles widerlich, jedes auf seine eigene Art und Weise.

Toll, ich wollte meinen Süßigkeitenkonsum reduzieren, nicht mir Schokolade abgewöhnen! In der Schublade fand sich jedoch auch ein kleines Täfelchen Schweizer Schokolade, was nach dem ganzen Müll wunderbar mundete. Inzwischen habe ich mir die 100g-Variante besorgt und freue mich auf Heiligabend, denn dann muß sie dran glauben. Auch wenn ich mir sicher nicht gleich alles auf einmal reinpfeife. Überflüssig zu erwähnen, daß Gummibärchen und Kekse inzwischen auch bäh schmecken?

Neben dieser Erkenntnis traten noch ein paar angenehme Nebeneffekte auf. Was ich aus dem Experiment mitgenommen habe:

- weniger Zucker läßt zumindest mich besser schlafen, meine Konzentration ist besser und ich bin nicht mehr so träge.

- ich habe fast unbemerkt über vier Kilo abgenommen. Daß meine Hosen nicht mehr zwicken ist mir aufgefallen, trotzdem hat mich die Waage überrascht.

- mein Körper hat eine Fehlschaltung repariert, statt Lust auf Zucker habe ich jetzt Durst. Da ich sowieso viel zu wenig Flüssigkeit zu mir nehme kann das nur gesund sein.

Vor allem der letzte Punkt ist ziemlich verrückt. Ich frage mich, ob es noch andere Menschen gibt, die Durst mit der Lust auf Süßes verwechseln. In der Blackbox die sich mein Hirn nennt passieren viele seltsame Sachen, aber das hier ist sogar für mich bemerkenswert.

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